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Okt 09

Der Unsinn mit der Arbeitslosenquote

Wir jagen von einen Rekord zum nächsten! Die Arbeitslosenquote sinkt und sinkt und sinkt. Ja fast schon seit Jahrzehnten! Besser kann es doch gar nicht laufen. Wir werden alle bald wieder Arbeit haben und es wird keine Arbeitslosen mehr geben. Aufschwung! Rekorde! Vollbeschäftigung! Wohlstand! Reichtum! Das Leben ist einfach schön!

Ähm…was? Die Arbeitslosenquote ist Bullshit und sagt gar nichts wichtiges über den Arbeitsmarkt aus? Nee…das kann nicht sein. Das würde man uns doch sagen! Und gemerkt hätten wir das auch. Wir sind ja nicht dumm oder so.

Tja…

Schauen wir uns die Arbeitslosenquote doch mal ein wenig genauer an.

Sie beschreibt das Verhältnis von arbeitslosen Menschen zu arbeitsfähigen Menschen.

Wenn also von 10 arbeitsfähigen Menschen 5 in Vollzeit arbeiten und 5 Menschen arbeitslos sind, dann beträgt die Arbeitslosenquote 50%. Hört sich erstmal unverdächtig und vernünftig an.

Wenn ich allerdings die Arbeitszeit der 5 in Vollzeit arbeitenden Menschen halbiere und das, was übrigbleibt, den 5 Arbeitslosen gebe, dann arbeiten alle halbtags. Die Arbeitslosenquote beträgt dann 0%. Obwohl sich an der darunter liegenden Gesamtarbeitszeit für alle nichts geändert hat.

Die Arbeitslosenquote selbst sagt also nichts über die verfügbare bzw. fehlende Gesamtarbeitszeit in der Wirtschaft aus. Dies ist an sich eigentlich auch kein Problem, wenn durch eine sinkende Arbeitslosenquote nicht ständig der Eindruck erweckt werden würde, dass jetzt mehr Arbeit vorhanden ist als vorher.

Denn wenn die Arbeitslosenquote sinkt, heißt es immer, dass ein neuer Beschäftigungsrekord seit dem Jahr XXXX erreicht wurde. Was heißt: Es gibt wieder so viel Arbeit wie vor X Jahren. Aber dieser mittransportierte Eindruck ist Unsinn und er ist falsch.

 

Wie viel Arbeit gibt es denn nun wirklich?

Nun, das ist einfach zu berechnen. Neben der Arbeitslosenquote wird auch das Arbeitsvolumen erfasst. Das ist die Summe aller Arbeitsstunden die in einem Jahr von allen Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Selbstständigen vollbracht wird.

Es lag im Jahr 2015 bei ca. 58 Mrd Arbeitsstunden. (Destatis)

Jetzt können wir ganz bequem ausrechnen, für wie viele Vollzeitstellen dieses Arbeitsvolumen reichen würde. Diesen Wert nennt man Vollzeitstellenäquivalente.

Eine Vollzeitstelle definieren wir mit 38,5h/Woche. Das ganze x48Wochen. Das Jahr hat zwar 52 Wochen, aber Urlaub, Krankheit etc. zählen nicht mit zum Arbeitsvolumen.

Eine Jahresvollzeitstelle besteht damit aus 1848h. Ein Mensch, der ein Jahr lang in Vollzeit arbeitet, leistet also 1848h/Jahr.

Jetzt brauchen wir nur noch das Gesamtjahresarbeitsvolumen durch das Jahresarbeitsvolumen eines Arbeiters teilen und erhalten die Anzahl der Vollzeitstellenäquivalente.

58Mrd durch 1848h = 31,39Millionen Vollzeitstellenäquivalente.

Ist das viel? Oder wenig? Das können wir nur beantworten, wenn wir wissen, wieviele Menschen denn in Deutschland arbeitsfähig sind.

Zum Glück gibt es da auch Statistiken.

Im Jahr 2015 hatten wir 44,9Millionen Erwerbsfähige. Aber nur 31,39Millionen Vollzeitstellenäquivalente. Huch, da klafft aber eine riesige Lücke dazwischen.

44,9Millionen erwerbsfähige Menschen denen 31,39Millionen Vollzeitstellenäquivalente gegenüberstehen. Da fehlen also 13,51Millionen Vollzeitstellenäquivalente. Und das sagt doch schon mal ein wenig mehr über den Zustand des Arbeitsmarktes hier in Deutschland aus.

Die aktuelle offizielle Arbeitslosenquote wird für 2015 mit knapp 6,5% angegeben. Das ist die geschönte Zahl.

Wenn ich aber die Quote der fehlenden Vollzeitstellenäquivalente ausrechne (Fehlende Vollzeitäquivalenzstellen zur Anzahl der arbeitsfähigen Bevölkerung), komme ich auf: 30,09%. 

Zur Veranschaulichung: Wenn ich ein Gesetz verabschieden würde, welches dafür sorgt, dass Menschen NUR in Vollzeit oder gar nicht arbeiten dürften, dann hätten wir eine Arbeitslosenquote von 30,09% und 13,51Millionen Arbeitslose!

Diese 13,51Millionen Arbeitslose, die haben wir im System. Sie werden nur versteckt. Entweder dadurch, dass Vollzeitstellen auf mehrere Arbeiter aufgeteilt werden oder arbeitsfähige Menschen einfach nicht als arbeitslos gezählt werden, weil sie z.B. krank sind oder in irgendwelchen Eingliederungsmaßnahmen oder Praktika sind.

Aus Arbeitslosigkeit wird durch diese Methoden dann Unterbeschäftigung. Und Unterbeschäftigung zählt nicht mit in die Arbeitslosenquote hinein. Und das ist der entscheidende Unsinn bei der Arbeitslosenquote. Sie beschreibt nicht den realen Zustand des Arbeitsmarktes. Da sie aber als einzige Zahl, bzw. als Leitzahl für die Arbeitsentwicklung immer wieder von Regierungsseite veröffentlicht wird, ist sie als realitätsverzerrende Propaganda einzustufen.

 

Wir brauchen eine andere Quote!

Die haben wir ja im Grunde genommen schon. Die Quote für die Vollzeitäquivalente.

Jetzt brauchen wir aber noch einen Namen dafür.

Ich schlage vor:

Vollzeitäquivalenzarbeitslosigkeit (Anzahl der fehlenden Vollzeitstellenäquivalente zur Vollbeschäftigung)

Vollzeitäquivalenzarbeitslosenquote (die Quote der Vollzeitäquivalenzarbeitslosigkeit)

 

Und jetzt kommt eigentlich die spannende Frage: Wie hat sich diese Vollzeitäquivalenzarbeitslosigkeit im Laufe der Zeit entwickelt? War sie vllt. immer so hoch? Ist es also ein natürlicher normaler Zustand in einer Wirtschaft?

Nein, das ist er nicht.

Ich habe die entsprechenden Daten mal zusammengesucht und ein Diagramm zusammengebaut.

Hier das Ergebnis:

entwicklung_vaeq

Wie zu sehen, geht die Vollzeitäquivalenzarbeitslosigkeit seit Anfang der 1970er Jahre nach oben. Das sind übrigens die Jahre, in denen der Finanzsektor dereguliert wurde. Das ist eine der Ursachen dafür. Aber dazu mehr in einem anderen Beitrag.

Fazit:

Die offizielle Arbeitslosenquote ist Unsinn und ist nicht anderes als volksverblödende Propaganda.

Es fehlen knapp 13,5Millionen Vollzeitstellen zur Vollbeschäftigung und die reale Arbeitslosenquote, wenn man auch die Unterbeschäftigung mit einbezieht, liegt bei knapp 30%!

 

 

Und passend dazu:

Eine Karikatur für den täglichen Umgang mit den Diskussionen über die Arbeitslosenzahlen:

karikatur_schafe_arbeitslosigkeit

(die Quote der Vollzeitäquivalenzarbeitslosigkeit)

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